Das Gespräch lief gut. Der IT-Leiter eines Logistikunternehmens hat ein echtes Problem mit seinen Backups, er entscheidet mit, und er mag deinen Ansatz. Dann der Satz: „Melden Sie sich bitte im Frühjahr wieder, dann haben wir das neue Budget.“ Im CRM steht danach „später“. Im Frühjahr ruft niemand an. Im Sommer unterschreibt er bei einem anderen Anbieter.
Genau dafür gibt es Lead Nurturing. Es sorgt dafür, dass Leads, die gerade nicht kaufen, in der Zwischenzeit nicht verloren gehen. In diesem Beitrag erfährst du, welche Leads ins Nurturing gehören, was du in Deutschland per E-Mail und Telefon darfst und wie ein 90-Tage-Plan für IT-Unternehmen aussieht. Fachbegriffe erklärt das IT-Marketing-Glossar.
Was ist Lead Nurturing?
Lead Nurturing ist die gezielte Begleitung von Leads, die zu deinem Angebot passen, aber noch nicht kaufen wollen. Du bleibst mit nützlichen Informationen im Gespräch, bis der Zeitpunkt passt, und meldest dich dann aktiv. Die Kurzfassung steht im Glossar unter Lead Nurturing.
Wörtlich heißt „to nurture“ pflegen oder aufziehen. Gemeint ist keine Dauerbeschallung mit Newslettern, sondern ein Plan mit Ziel: Der Lead soll beim nächsten Kontakt weiter sein als heute. Er kennt deinen Ansatz besser, hat intern mit dem Entscheider gesprochen oder weiß, wann das Budget kommt.
Lead Nurturing schließt an zwei Dinge an, die du vielleicht schon nutzt:
- Lead Scoring sortiert deine Leads nach Punkten. Leads mit gutem Fit, aber wenig Interaktion, landen im Feld B2 oder B3 der Matrix. Für sie ist Nurturing gedacht.
- Das Erstgespräch mit BANT klärt Bedarf, Entscheider, Zeitplan und Budget. Fehlt einer dieser Punkte, wird der Lead noch kein Sales Qualified Lead, ist aber auch nicht verloren.
Warum die meisten Leads gerade nicht kaufen
Die meisten Unternehmen brauchen dein Angebot nicht heute, sondern irgendwann. Der Marketingforscher John Dawes vom Ehrenberg-Bass Institute hat dafür 2021 in einem Beitrag für LinkedIn die sogenannte 95:5-Regel beschrieben. Seine Rechnung: Unternehmen wechseln Dienstleister wie ihre Hausbank oder Kanzlei im Schnitt etwa alle fünf Jahre. Dann sind im Lauf eines Jahres nur rund 20 Prozent im Markt, in einem Quartal etwa 5 Prozent. Die übrigen 95 Prozent kaufen gerade nicht.
Dawes betont selbst, dass die 95 Prozent keine exakte Regel sind, sondern eine Faustregel. Wie viele deiner Wunschkunden gerade suchen, kannst du mit seiner Methode selbst schätzen: Wechselt deine Zielgruppe ihr Systemhaus im Schnitt alle zwei Jahre, sind laut seiner Rechnung pro Jahr 50 Prozent und pro Quartal rund 13 Prozent im Markt.
Für IT-Unternehmen heißt das: Ein „Melden Sie sich später“ ist oft kein Abwimmeln. Passen Bedarf und Entscheider, ist der Lead meist nur noch nicht in seinem Kaufzeitraum. Wer ihn bis dahin aus den Augen verliert, überlässt den Auftrag dem Anbieter, der zur richtigen Zeit anruft.
Welche Leads ins Nurturing gehören
Ins Nurturing gehören Leads, die zu dir passen und bei denen nur der Zeitpunkt nicht stimmt. Wer gar nicht passt, gehört nicht hinein, sonst verschwendest du Zeit und nervst Kontakte, die nie kaufen werden.
| Lead-Typ | Woran du ihn erkennst | Was du tust |
|---|---|---|
| „Melden Sie sich später“ | Bedarf und Entscheider passen, Zeitplan oder Budget fehlt | Rückruftermin fest vereinbaren, bis dahin nurturen |
| B2 und B3 aus dem Lead Scoring | Guter Fit, aber kaum Interaktion | Nurturing mit Wiedervorlage, kein Anruf ohne Anlass |
| Verlorenes Angebot mit „nicht jetzt“ | Angebot abgelehnt wegen Zeit oder Budget, nicht wegen Leistung | Nach einigen Wochen mit neuem Anlass wieder melden |
| Webinar- oder Download-Kontakte mit gutem Fit | Unternehmen passt, aber noch keine konkrete Frage | Mit Fachinhalten begleiten, auf Kaufsignale achten |
| A3 aus dem Lead Scoring | Perfekter Fit, gar keine Aktivität | Eher gezielte Ansprache mit [Account-Based Marketing](/glossar#account-based-marketing) als ein Massen-Nurturing |
Nicht ins Nurturing gehören Kontakte mit schlechtem Fit (C2 und C3), Wettbewerber, Bewerber und alle, die ausdrücklich keinen Kontakt mehr wollen.
Was du per E-Mail und Telefon darfst
Bevor du einen Nurturing-Plan baust, musst du wissen, welche Kanäle du überhaupt nutzen darfst. Die wichtigste Regel steht in § 7 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Dieser Abschnitt ist eine Orientierung und keine Rechtsberatung.
- Werbe-E-Mails: Werbung per elektronischer Post ist ohne vorherige ausdrückliche Einwilligung eine unzumutbare Belästigung (§ 7 Abs. 2 Nr. 2 UWG). Das gilt auch, wenn der Empfänger ein Unternehmen ist. Eine Visitenkarte oder ein gutes Telefonat ersetzen die Einwilligung nicht.
- Ausnahme für Bestandskunden: Hast du die E-Mail-Adresse von einem Kunden im Zusammenhang mit einem Verkauf bekommen, darfst du ihm Werbung für eigene ähnliche Leistungen schicken. Voraussetzung ist, dass du ihn schon bei der Erhebung der Adresse klar auf sein Widerspruchsrecht hingewiesen hast, das in jeder Mail wiederholst und er nicht widersprochen hat (§ 7 Abs. 3 UWG). Für Leads, die noch nichts bei dir gekauft haben, greift diese Ausnahme nicht.
- Telefon: Bei Unternehmen reicht eine zumindest mutmaßliche Einwilligung (§ 7 Abs. 2 Nr. 1 UWG). Hat dich der Lead ausdrücklich gebeten, im Frühjahr anzurufen, ist der Fall klar. Notiere die Bitte mit Datum im CRM.
Dazu kommt der Datenschutz. Nach Art. 7 DSGVO musst du nachweisen können, dass jemand eingewilligt hat. Der Widerruf muss so einfach sein wie die Erteilung. Bewährt hat sich dafür das Double-Opt-in: Der Lead trägt sich ein oder stimmt im Gespräch zu und bestätigt das danach per Klick in einer E-Mail.
Daraus ergibt sich eine einfache Gewohnheit für jedes Erstgespräch: Frag am Ende nicht nur nach dem Rückruftermin, sondern auch: „Darf ich Ihnen bis dahin ab und zu etwas Passendes per E-Mail schicken?“ Nach einem guten Gespräch ist das eine kleine Bitte. Sagt der Lead Ja, schickst du die Bestätigungsmail und hast danach beides, den Termin und die Einwilligung.
Ein 90-Tage-Plan für IT-Unternehmen
Der folgende Plan ist für einen Lead gedacht, der im Erstgespräch gesagt hat: „Melden Sie sich in drei Monaten.“ Er setzt eine bestätigte Einwilligung für E-Mails voraus. Hat der Lead nicht eingewilligt oder die Bestätigungsmail nicht angeklickt, fallen die E-Mails weg. Dann bleiben LinkedIn an Tag 30 und der vereinbarte Rückruf an Tag 90, und die Entscheidungsvorlage bietest du im Rückruf an. Die Abstände sind unser Vorschlag als Startpunkt, passe sie an den Zeitplan deines Leads an.
| Tag | Kanal | Was passiert | Ziel |
|---|---|---|---|
| 0 | Telefon | Gespräch endet mit festem Rückruftermin und der Frage nach E-Mail-Einwilligung | Termin und Einwilligung |
| 1 | Kurze Zusammenfassung: Was ihr besprochen habt und wann du anrufst | Verbindlichkeit | |
| 14 | Fallstudie eines ähnlichen Kunden mit ähnlichem Problem | Bedarf schärfen | |
| 30 | Vernetzen, einen hilfreichen Beitrag teilen oder kommentieren | Präsenz ohne Druck | |
| 45 | Einseitige Entscheidungsvorlage zum Weiterleiten an die Geschäftsführung | Entscheider erreichen | |
| 60 | Einladung zu einem Webinar oder ein kurzer Praxistipp | Interesse messen | |
| 75 | Eine einzige Frage: „Steht Ihr Zeitplan für das Frühjahr noch?“ | Zeitplan prüfen | |
| 90 | Telefon | Rückruf zum vereinbarten Termin, Gespräch neu mit BANT bewerten | Verkaufschance oder neuer Termin |
Wichtig ist das Ende. Der Plan läuft nicht einfach aus, sondern führt auf einen Anruf zu, den der Lead selbst gewünscht hat. Die E-Mails davor haben nur eine Aufgabe: Beim Rückruf soll er sich an dich erinnern und mehr wissen als im ersten Gespräch. Ein Nurturing ohne festen Rückruf ist ein Newsletter.
Ob du die Mails von Hand schickst oder automatisch, hängt von der Menge ab. Bei einer Handvoll Leads im Monat reicht eine Wiedervorlage im CRM mit vorbereiteten Textbausteinen. Unsere Faustregel: Ab etwa einem Dutzend parallel laufender Leads lohnt sich eine automatische Strecke, oft Drip-Kampagne genannt, in einer Marketing-Automation-Software. Die Telefonate bleiben in beiden Fällen Handarbeit.
Inhalte nach der Lücke aus dem Erstgespräch
Gutes Nurturing schickt nicht allen dasselbe. Es schließt die Lücke, die im Erstgespräch offen geblieben ist. Wenn du mit BANT qualifizierst, weißt du genau, welcher Punkt gefehlt hat.
| Was im Gespräch fehlte | Typischer Satz | Passender Inhalt |
|---|---|---|
| Bedarf (Need) | „Eigentlich läuft bei uns alles.“ | Fallstudie, in der ein ähnliches Unternehmen ein verstecktes Problem entdeckt hat, oder ein kurzer Selbsttest |
| Entscheider (Authority) | „Das muss am Ende der Chef entscheiden.“ | Einseitige Entscheidungsvorlage mit Nutzen, Aufwand und nächstem Schritt, die der Lead weiterleiten kann |
| Zeitplan (Timeline) | „Melden Sie sich im Frühjahr.“ | Erinnerung kurz vor dem Budgetzeitraum, Beispiel für einen Projektplan mit realistischer Dauer |
| Budget | „Dieses Jahr ist dafür kein Geld da.“ | Übersicht über Pakete und Kostenrahmen, Hinweis auf einen kleineren Einstieg |
Der Entscheider-Fall ist im IT-Mittelstand besonders häufig. Dein Gesprächspartner ist überzeugt, muss aber intern verkaufen. Eine Seite, die er ohne Umschreiben an die Geschäftsführung weiterleiten kann, hilft ihm mehr als jedes weitere Whitepaper. Bei Entscheidungen mit vielen Beteiligten lohnt ein Blick auf das Buying Center: Wer muss noch überzeugt werden, und welche Frage hat diese Person?
Wann ein Lead zurück in den Vertrieb geht
Ein Lead verlässt das Nurturing, sobald er Kaufsignale zeigt, nicht erst am Ende des Plans. Typische Signale bei IT-Leads:
- Er antwortet auf eine Mail mit einer konkreten Frage.
- Er besucht die Preis- oder Leistungsseite mehrfach in kurzer Zeit.
- Er nimmt an einem Webinar wirklich teil.
- Eine zweite Person aus demselben Unternehmen meldet sich oder lädt etwas herunter.
- Das Unternehmen sucht per Stellenanzeige eine neue IT-Leitung, oder der Vertrag mit dem bisherigen Dienstleister läuft aus.
Wenn du mit dem Modell aus dem Beitrag zum Lead Scoring arbeitest, passiert das fast von selbst: Steigt die Interaktion eines B-Leads auf 30 Punkte, rutscht er ins Feld B1 und wird innerhalb von zwei Werktagen angerufen. Ohne Scoring reicht eine Regel: Jede Antwort und jeder Besuch der Preisseite löst eine Aufgabe für den Vertrieb aus.
Genauso wichtig ist ein klares Ende. Hat ein Lead nach 90 Tagen und dem vereinbarten Anruf nicht reagiert, wechselt er vom persönlichen Plan in den normalen Newsletter, falls er eingewilligt hat. Wer sich abmeldet oder seine Einwilligung widerruft, bekommt keine weiteren Mails, das ist Pflicht. Wer sagt, dass kein Bedarf mehr besteht, sollte ebenfalls keine mehr bekommen. Das schont deinen Ruf.
Typische Fehler beim Lead Nurturing
Die meisten Nurturing-Pläne scheitern nicht am Inhalt, sondern an der Disziplin.
- „Später“ ohne Datum. Ohne festen Rückruftermin im CRM ruft niemand an. Frag im Gespräch: „Passt es Ihnen, wenn ich mich am 3. März melde?“
- E-Mails ohne Einwilligung. Ein gutes Telefonat ist keine Einwilligung für Werbemails. Hol sie ein und lass sie bestätigen.
- Alle bekommen alles. Ein Lead ohne Budget braucht andere Inhalte als einer ohne Entscheider.
- Nur Eigenwerbung. Mails, die nur von dir handeln, werden schnell ungelesen gelöscht. Jede Mail sollte dem Lead etwas bringen, auch wenn er nie kauft.
- Kein Ende. Wer zwei Jahre lang dieselbe Strecke bekommt, meldet sich ab. Setz ein Ende und einen Übergang in den Newsletter.
- Signale werden übersehen. Wenn eine Antwort auf eine Nurturing-Mail drei Tage im Postfach liegt, war der ganze Plan umsonst.
Wenn der Rückruf im Alltag untergeht
Der schwierigste Teil des Nurturings ist nicht die E-Mail-Strecke, sondern der Anruf am Ende. In vielen IT-Unternehmen steht der Rückruftermin im Kalender, aber an dem Tag brennt ein Kundenprojekt, und der Termin rutscht in die nächste Woche und dann ins Vergessen.
Dafür haben wir bei Stockmann Digital Consulting das Zusatzpaket Cracked Code Plus entwickelt. Unser Telefonteam ruft die Leads aus deinen Kampagnen an, qualifiziert sie im Gespräch, holt Einwilligungen ein und meldet sich zum vereinbarten Termin wieder. Du bekommst nur die Gespräche, die sich lohnen, mit Protokoll. Ob das zu deinem Unternehmen passt, klären wir in der kostenlosen Wachstumsanalyse.
Fazit
Lead Nurturing sorgt dafür, dass gute Leads nicht verloren gehen, nur weil sie heute noch nicht kaufen. Für IT-Unternehmen reicht dafür ein einfacher Plan, solange er konsequent mit einem Anruf endet.
- Nimm nur Leads ins Nurturing, die passen und bei denen nur der Zeitpunkt fehlt.
- Hol im Gespräch die Einwilligung für E-Mails ein und vereinbare einen festen Rückruftermin.
- Schick Inhalte, die die Lücke aus dem Erstgespräch schließen.
- Hol Leads bei Kaufsignalen sofort zurück in den Vertrieb und setz dem Plan ein klares Ende.
Wie du Leads mit Punkten sortierst, liest du im Beitrag Lead Scoring für IT-Unternehmen. Wie du im Gespräch qualifizierst, erklärt BANT-Methode: Leads qualifizieren im IT-Vertrieb. Alle Beiträge findest du im Blog.